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Letzte Aktualisierung:
Tuesday, 13-Jun-2017 13:18:19 CEST

 

 

 

Buch 'Ficken sag ich selten'
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von Olaf Blumberg
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Reportage 'Der innere Kobold'
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'Motherless
Brooklyn'
beschäftigt sich aus einer Insider-Perspektive mit dem Tourette Syndrom und ist dabei ein unterhaltsamer Roman.
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Presse Übersicht

Freddy Touretti

von Lucia Ellenrieder und Photos von Daniel Biskup

Wenn Freddy mit Leuten spricht, in der Schule oder beim Friseur sitzt, dann tut er das nie ohne dabei mit dem Kopf zu wackeln und mit den Schultern zu zucken - das kommt von seiner Krankheit, dem Tourette-Syndrom.

Freddy nennt sich selbst Freddy Touretti. Immerzu muss er sich schütteln, zucken, Geräusche machen. Schuld ist seine Krankheit, das Tourette-Syndrom. Plötzlich war es da und mit ihm die Tics, gegen die der 16-jährige machtlos ist.


"Dieses Kind sollte man wegsperren." Deutlich erinnert sich Freddy an die elegant gekleidete Frau, an ihre wütende Stimme und die verächtlichen Blicke, unter denen er von seiner Mutter aus dem vorweihnachtlich überfüllten Geschäft gezogen wurde. Zum Glück war die Familie mit dem Auto in die Stadt gefahren, denn Busfahren war und ist bis heute für Freddy der Horror. Zumindest, wenn er alleine unterwegs ist. Dann fühlt er sich hilflos unter all den Leuten, die ihn anstarren, die hinter seinem Rücken kichern oder, wenn Freddy mit seinen Beinen immer wieder gegen den Sitz seines Vordermanns tritt, ihn lautstark beschimpfen: "Was bist du bloß für ein Arschloch?"


Freddy ist kein Arschloch, kein Idiot. Aber er fällt auf, immer. Wegen seiner Krankheit, dem Tourette-Syndrom. Unheilbar ist das, und nur wenige haben schon mal davon gehört. Wenn der 16-jährige erzählt, wenn er fernsieht oder isst, beim Friseur sitzt oder in der Schule, dann tut er das nie, ohne immer wieder mit dem Kopf zu wackeln, mit den Schultern zu zucken, ein kehliges Räuspern von sich zu geben.

Seine Krankheit ist schuld daran, dass er gegen Vordersitze tritt, sein Gesicht zu Grimassen verzieht. Manchmal sind diese sogenannten Tics unauffällig, dann im nächsten Moment wieder so stark, dass Freddy nicht weitersprechen kann. Wenn die Tics kommen, wird Freddy zur Marionette seiner Krankheit. Für einige Zeit kann er das Schütteln und Zucken unterdrücken, dann ist ES wieder da - unkontrollierbar, unberechenbar, unbezwingbar. Dabei fing alles ganz harmlos an. Freddy war elf, als er auffällig oft mit den Augen zwinkerte und sich räusperte. "Da stimmt doch was nicht", dachte Freddys Mutter und schleppte ihren Sohn, der sich inzwischen ständig schüttelte und bei jedem Satz das erste Wort brüllen musste, zum Kinderarzt. "Nur ein bisschen übernervös" war die Diagnose, aber da wurde Freddy in der Schule schon gehänselt und gepiesackt. Die Untersuchung beim Neurologen brachte es dann ans Licht: Tourette-Syndrom, keiner weiß, woher es kommt und wie es sich entwickelt. Völlig abstellen kann man die Symptome nicht, nur abschwächen. Und die Medikamente haben nicht nur positive Effekte. "Ich war die ganze Zeit traurig. Außerdem habe ich 20 Kilo zugenommen", zählt Freddy die unangenehmsten Nebenwirkungen auf. Währenddessen ging es mit seinen Noten immer weiter bergab. Freddy wechselte vom Gymnasium auf die Realschule. Kaum acht Wochen hielt er es auf der neuen Schule aus. Für die Klassenkameraden war er sofort eine beliebte Zielscheibe, auch die Lehrer hatten kein Verständnis für Freddy - für sie war er einfach nur ein Störenfried, der nicht still sitzen und seinen Mund nicht halten wollte. Auf die Idee mal nachzufragen, warum Freddy sich so verhielt, kam keiner. "Ich war ein Außenseiter, aber am schlimmsten war die Angst. Am Abend hatte ich schon Panik vor dem nächsten Tag. Irgendwann habe ich mich dann geweigert, in die Schule zu gehen und mich zwei Wochen lang jeden Morgen in meinem Zimmer eingesperrt."

Was Freddy zu berichten hat, ist alles andere als lustig. Aber wenn er vom Tourette-Syndrom erzählt, macht das nicht nur betroffen. Denn Freddy sprudelt, witzelt, lacht. So viel gute Laune steckt einfach an. Und alle Fragen sind erlaubt, aber viele nicht zu beantworten. "Ich bekomme natürlich mit, wenn ich zucke oder mein Kopf macht, was er will. Aber ich kann nichts dagegen tun", versucht er seine Tics zu beschreiben. "Mit zwölf hatte ich auch noch einen vokalen Tic. Ich musste dauernd 'Scheiße' und so was schreien. Einmal war ich mit meiner Mutter beim Einkaufen und brüllte sie an "Ey, bist du scheiße, Alte". Meine Mutter blieb völlig unbeeindruckt. Das hat eine ältere Dame ziemlich schockiert", sagt er grinsend. Der Schrei-Tic verschwand wieder, die anderen Zwänge blieben unberechenbar. Um das richtige Medikament zu finden, wurde Freddy untersucht, getestet und schließlich zur Krankheitsbeobachtung eingeliefert - in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Das war die schrecklichste Zeit meines Lebens", schluckt Freddy. Sieben Wochen eingesperrt sein, die Eltern nur mittwochs und am Wochenende sehen. Raus in den Garten konnte man nur mit Betreuer. Vorsichtsmaßnahmen für die verhaltensauffälligen, oft aggressiven Mitpatienten. Der damals 13-jährige erlebte, wie Zimmergenossen ausrasteten, an Fixierbetten geschnallt wurden oder in der Gummizelle landeten. Alpträume garantiert.

Endlich aus der "Hölle" entlassen, fanden die Eltern für Freddy eine Privatschule. "Am Anfang war's auch dort hart, weil ich mich nicht getraut habe, die Mitschüler über meine Krankheit aufzuklären." Die Angst für verrückt gehalten zu werden war einfach zu groß. Nach ein paar Wochen stellte er sich dann aber doch vor die Klasse. "Seitdem läuft es richtig prima. Meine Lehrer und Mitschüler haben einfach super reagiert", freut sich Freddy. Mit dem Schulwechsel ging es für Freddy Touretti, wie er sich im Spaß selber nennt, bergauf: neue Freunde, gute Noten, keine Hänseleien mehr. Die Leute sehen, dass Freddy eben auch nur ein Junge ist, der gerne DVDs guckt, Computer spielt, Fantasy-Romane mag und Mädchen schon lange nicht mehr alle doof findet und eines sogar ganz besonders mag.

"Klar kann ich heute mit meinen Tics cooler umgehen als am Anfang. Aber wenn ich unter fremden Menschen bin, ist die Panik vor blöden Sprüchen wieder da", gibt Freddy zu. Weil es gar nicht so einfach ist, das Tourette- Syndrom zu erklären, trägt er immer eine Visitenkarte mit sich herum, auf der eine Kurzbeschreibung der Krankheit steht. Aber viele beschimpfen, spotten, gaffen lieber statt zu fragen "Warum machst du das?". Beleidigt und gekränkt zu werden - daran gewöhnt man sich nie. Deshalb ist der Moment, wenn Freddy jemanden kennen lernt, seine Karte gezückt hat und auf die Reaktion wartet, immer unangenehm für ihn: "Wenn man da so steht, ist das irgendwie `ne peinliche Situation. Viele lesen nicht richtig und stempeln mich als Verrückten ab." So wie neulich im Bus, wo eine Frau ihn ankeift: "Du bist doch nicht normal, lass' das doch mal sein!" Normal ist Freddy schon, aber es sein lassen - das kann er nicht.

Was ist Tourette?

Das Tourette-Syndrom, kurz TS, ist eine Stoffwechselerkrankung im Gehirn. Die Betroffenen - in Deutschland sind das etwa 40 000 Menschen - leiden unter Tics (frz. tic = Manie, Zuckung, Tick), die weder unterdrückbar noch beeinflussbar sind. Die Bandbreite an Tics ist riesig. Man unterscheidet motorische, wie zum Beispiel Augenblinzeln, Zuckungen, Grimassenziehen und vokale Tics. Dabei muss der TS-Kranke zwanghafte Laute von sich geben, etwa "uuh" oder "aah" oder ganze Sätze und in manchen Fällen auch Schimpfwörter und Obszönitäten herausschleudern.

Mit freundlicher Genehmigung von X-MAG - Quelle: Jugendmagazin X-MAG vom Oktober 2003

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