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Außer Kontrolle

Christian Hempel kann nicht anders: Er schreit unvermittelt "Überfall" in einer Bank, schneidet plötzlich seltsame Grimassen, schlägt sich an den Hinterkopf. Der 28-Jährige leidet am Tourette-Syndrom, der wenig erforschten Krankheit der Tics.

von Tanja Kokoska

Dies ist die Geschichte von Christian Hempel - eine wahre Geschichte. Und zugleich ist es die Geschichte von Lionel Essrog - aus einem Roman, frei erfunden und doch so realistisch, dass sie ebenso wahr sein könnte. Christian und Lionel, der Mensch und die Romanfigur, haben eines gemeinsam: Sie leben mit dem Tourette-Syndrom, der Krankheit der Tics.

Ein Tic kann der Zwang sein, Worte so lange zu verdrehen, bis ein Silben-Kauderwelsch entsteht, scheinbar ohne Sinn. Er kann jemanden zwingen, Obszönes in die Welt hinauszuschreien - "Lutsch mich!", "Ficken!" oder "Heil Hitler!" - das weder Meinung, Überzeugung oder Absicht desjenigen ausdrückt, der dies schreien muss. Es kann der Zwang sein, Gegenstände so lange umher zu rücken, zu schieben, zu drehen, bis sie "perfekt" sind. Andere Menschen zu berühren, zu zwicken, ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Zu spucken, zu grunzen, mit den Schultern zu zucken, mit den Händen zu fuchteln, sich selbst zu kratzen, zu schlagen, immer wieder an exakt derselben Stelle. Eben der "perfekten" Stelle. All das gehört zu Tourette, zu den Geschichten von Christian und Lionel. Doch die Krankheit äußert sich von Mensch zu Mensch so verschieden, wie die Menschen selbst sind - "einzigartig wie eine Schneeflocke", schreibt Jonathan Lethem in seinem Roman Motherless Brooklyn.

Seine Hauptfigur, Lionel Essrog, wächst im New Yorker Stadtteil Brooklyn in einem Waisenhaus auf, bis sich der Straßenganove Frank Minna seiner und drei weiterer Waisenjungen annimmt. Aus ihnen werden die "Minna Men", die für allerlei zwielichtige Dienste zu haben sind. Als Frank Minna ermordet wird, begibt sich Lionel selbst auf die Suche nach dem Täter. Seine Zwangshandlungen und Wortverdrehereien sind ihm dabei Hindernis und Hilfe zugleich. Jonathan Lethem selbst ist weder an Tourette erkrankt noch hat er sich unmittelbar mit Betroffenen auseinandergesetzt. Und dennoch ist es ihm gelungen, ein "erstaunlich realistisches Bild" dieser bizarren Krankheit zu entwerfen "mit einem Protagonisten, der einem ans Herz wächst", wie Christian Hempel sagt.

Der 28-Jährige ist in Berlin aufgewachsen, wohnt heute in seiner neuen Wahlheimat Lüneburg in einer gemütlichen Wohnung mit Dachterrasse in der Stadtmitte. Seit 18 Jahren lebt Christian mit dem Tourette-Syndrom. Als er zehn Jahre alt ist, beginnt die Krankheit mit unkontrollierbarem Kopf- und Schulterrucken, Grimassen schneiden, Zucken von Armen und Beinen. Zu diesen motorischen Tics, die sich im Laufe der Jahre verstärken und vermehren, kommen vokale Tics hinzu: Zuerst als Laute, Töne, grunzende Geräusche, dann als Worte: "Schwanzlutscher" oder "Ficken" gehört heute zu Christians, vielmehr zu Tourettes Vokabular, das in der medizinischen Forschung mit dem Begriff "Koprolalie" umschrieben wird. Allein in Deutschland, so die Schätzungen, sind etwa 40000 Menschen vom Tourette-Syndrom betroffen. Doch die eigenartige Tic-Erkrankung, deren charakteristische Symptomatik erstmals 1825 von Georges Gilles de la Tourette beschrieben wird, ist bis heute unheilbar, die Ursachen sind noch weitgehend unerforscht. Nur eines ist sicher: Tourette zerstört keine Gehirnzellen. Die Betroffenen bleiben ein Leben lang bei völlig klarem Verstand.

An einem Winterabend in Lüneburg leiht nun der Mensch Christian Hempel der Romanfigur Lionel Essrog seine Stimme, und so ergeben mit einem Mal zwei Geschichten eine einzige, so wie zwei Wege, die ineinander münden: Christian liest aus Motherless Brooklyn - "eine Lesung inklusive Tics", heißt es in der Ankündigung. Die Veranstaltung ist öffentlich, und viele der etwa 40 Besucher, die sich im Pfarrhaus der evangelischen St. Johannisgemeinde einfinden, kennen Christian bereits, kennen die "echten" Tics und bedürfen keiner Erklärung mehr, die Christian sonst auf der Straße, in der Videothek, beim Obsthändler oder im Bus abgeben muss. "Entschuldigen Sie, ich kann nichts dafür, das ist nur ein Tic", sagt er dann, wenn er in der Sparkassenfiliale laut "Überfall!" rufen, den Kopf verdrehen oder die Zunge herausstrecken muss. An diesem Abend sagt Christian: "Was Tourette ist, muss ich den meisten von euch ja nicht mehr erklären." Und später wird er hinzufügen: "Wie schön wäre es, wenn ich das von jeder Situation sagen könnte, die ich täglich erlebe."

Christian liest, die Beine weit von sich auf einen zweiten Stuhl gestreckt, mit ruhiger und zugleich fester, selbstbewusster Stimme, versunken in die ersten Zeilen des Buches: "Kontext ist das A und O. Verkleidet mich, und ihr werdet staunen. Ich bin Jahrmarktschreier, Auktionator, Straßenkünstler, Wortverdreher, ein Abgeordneter bin ich, trunken vom vielen Reden. Ich habe Tourette." Er lässt die Worte rhythmisch fließen, betont, dehnt, streckt die Silben, wechselt Stimmlage und -lautstärke. Fast professionell. "Mein Mundwerk lässt sich nicht zügeln, obgleich ich meist nur flüstere oder die Lippen bewege, als würde ich laut lesen, mein Adamsapfel springt auf und ab, unter meinen Wangen pocht die Kiefermuskulatur wie ein Miniaturherz." Nach einigen Passagen wird dann Tourette für kurze Zeit die Kontrolle über Christians Stimme und Körper übernehmen. "Zunächst ist es nur ein Jucken. Unregelmäßig. Aber bald schon schwillt das Jucken an, türmt sich auf wie eine Flutwelle hinter einem berstenden Damm. Noahs Sintflut. Dieses Jucken ist mein Leben. Achtung jetzt. Haltet euch die Ohren zu. Baut eine Arche. ,Lutsch mich!', schreie ich."

Die Flutwelle, so wie Lethem sie beschreibt, schwappt an Christians Beinen hinauf bis zu seinen Schultern, er zuckt und zappelt, verdreht den Hals, schlägt mit dem Hinterkopf hart gegen die Stuhllehne und schreit: "Ah! Ah!! Aaarschloooch!". Schüttelt sich kurz, schlägt die Beine übereinander, verschränkt die Arme. Dann sind die "echten" Tics wieder vorbei, in Sekundenschnelle, wie ein Monsunschauer. Christian liest weiter, versinkt erneut in den Text.

Jenes "Jucken" beschreibt er später im Gespräch wie "das heftige Kribbeln vor Niesen oder Schluckauf" - man kann es nicht unterdrücken. Er lebt mit diesem Jucken, tagein, tagaus. "Ich habe Tourette und leider nie Pause" - außer, wenn er schläft, wenn "die Ruhe zu mir kommt". Doch Christian will nicht nur "die Summe meiner Tics" sein. Seine Geschichte sei so normal wie jede andere. Mit dem feinen Unterschied, dass diese einzigartige Schneeflocke "wie ein mikroskopisch kleiner Kristall in Zeitlupe fortfährt, neue Facetten zu entfalten und sich von seinem Platz in meinem tiefsten Inneren auf meine Außenhaut, mein öffentliches Gesicht zu übertragen". An dieser Stelle hat Romanfigur Lionel dem Menschen Christian seine Sprache geliehen.

Medikamente nimmt Christian nicht. Da der medizinischen Forschung die Ursachen von Tourette noch weitgehend unbekannt sind, gibt es auch keine spezifischen Behandlungsmethoden. Aribert Rothenberger von der Tourette Gesellschaft Deutschland beschreibt TS als "gestörten Stoffwechsel von zumindest einer chemischen Substanz im Gehirn". Dieser Überträgerstoff Dopamin ist ein Neurotransmitter, "der für die Informationsweiterleitung zum Beispiel im Rahmen von Bewegungsprogrammen wichtig ist". Psychopharmaka können die Tics zwar lindern, versetzen den Betroffenen jedoch meist in eine Art Dämmerzustand. "Das ist keine Ruhe, die ich haben will", sagt Christian. Wenn er sich "betäubt" fühlt, können die Tics noch stärker werden, "weil ich mich dann selbst nicht mehr spüre". Dann "helfen mir gerade die Tics, wieder einen Halt zu finden" - wie die Wand, die das Echo zurückschleudert. Heute, mit 28 Jahren, hat er teilweise bis zu sechzig motorische und vokale Tics in der Minute. Es können mehr, es können auch wieder weniger werden. Sie kommen und gehen, wie sie wollen.

"Tourette sucht sich immer das Peinlichste, die dünnste Stelle der Haut", sagt Christian. Und niemand kann sagen, warum das so ist. Warum gerade die Koprolalie mit erstaunlicher Treffsicherheit die Tabus der Gesellschaft auswählt, in der der Betroffene zwangsläufig zum Außenseiter wird - zum "ungezogenen Rüpel", dem "das auch noch Spaß macht", der "doch nur auffallen will". Derlei Vorwürfe und Vorurteile muss sich Christian allzu häufig anhören. "Ich bin es leid, mich immer und immer wieder zu rechtfertigen" - für etwas, das nicht in seiner Macht liegt.

Die Gesellschaft, in der Lionel Essrog im Roman Motherless Brooklyn lebt, hat dagegen Wege gefunden, ebenfalls mit Tourette zu leben: "Wir hatten eine Tüte mit zwölf (Burgern) bestellt, und Coney war sich nicht nur darüber im Klaren, dass ich meine sechs haben musste, ihm war auch bewusst, dass er mir entgegenkam und meine Tourette-gesteuerten Instinkte besänftigte, indem er sich beim Essen stets meinem Rhythmus anpasste."

Tourette leiht sich einen menschlichen Körper auf Lebenszeit, leiht sich einen Mund, um sich Gehör zu verschaffen. Und zugleich, so schreibt es Jonathan Lethem, "lehrt (Tourette) dich, was die Leute ignorieren und vergessen, lehrt dich, den wirklichkeitsbeugenden Mechanismus zu durchschauen, den Leute einsetzen, um das Untolerierbare, Widersprüchliche, Zersetzende zu verdrängen - weil du selbst nämlich derjenige bist, der ihnen das Untolerierbare, Widersprüchliche, Zersetzende in den Weg legt." Dabei lässt sich dieser Weg meist auf leichte Weise wieder ebnen: Christian geht in Begleitung von Jürgen Laufs, Pastor der St. Johannisgemeinde, in ein Geschäft in der Lüneburger Innenstadt. "Kennen Sie eigentlich unseren - Penis! - Pastor?", ruft er dem Verkäufer entgegen und ergänzt sogleich: "Also, natürlich ohne Penis." Jürgen Laufs dreht sich zu Christian um und antwortet ungerührt: "Doch, natürlich mit Penis!"

Der Roman Motherless Brooklyn von Jonathan Lethem, erschienen im Kölner Tropen Verlag, soll in diesem Jahr mit dem amerikanischen Schauspieler Edward Norton in der Hauptrolle verfilmt werden. Mehr Informationen zur Krankheit gibt es unter www.tourette.de.

Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Erscheinungsdatum 16.02.2002

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