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Ausführlicher Bericht zum Jubiläumskongress
50 Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie Universität Göttingen

Vernetzung von Hilfen bei ADHS/Tic/Zwang - Der Blick über den Zaun

Göttingen, 6. bis 8. Oktober 2000

von Liane Rothenberger
(Hessisch-Niedersächsische Allgemeine Zeitung; HNA-Northeim)

"Wenn das Leben entgleist - fachliche und gesellschaftliche Standortbestimmung bei ADHS/Tic/Zwang" - unter diesem Motto stand der zweite und Haupt-Tag, Samstag, 7. Oktober, des Jubiläumskongresses der Kinder- und Jugendpsychiatrie Göttingen. Diese veranstaltete den Kongress gemeinsam mit der bundesweiten Interessengemeinschaft ADHS (IG-ADHS), der deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ) sowie der Tourette-Gesellschaft Deutschland (TGD). Die Schirmherrschaft hatte Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Rita Süssmuth, Mitglied des Deutschen Bundestages und ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestages, übernommen.

Begrüßungen

In seiner Begrüßungsansprache dankte Prof. Dr. Aribert Rothenberger, seit 1994 Leiter der Göttinger Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, den beteiligten Vortragenden, Mitarbeitern und Selbsthilfegruppen, die diesen Versuch, eine Vernetzung von Hilfen, den sogenannten "Blick über den Zaun" oder "Blick über den Tellerrand", herzustellen, mit ermöglicht hatten. Man solle schauen, wie es beim Nachbarn zugehe, um zusammen mehr zu erreichen. "Es ist mir ein großes Anliegen, die verschiedenen Kenntnisse, Erfahrungen und Sichtweisen zusammenzuführen, um Probleme gemeinsam zu lösen", unterstrich Prof. Rothenberger.

Prof. Dr. J.U. Leititis, Vorstand des Ressorts "Krankenversorgung" am Universitätsklinikum Göttingen, legte den Schwerpunkt auf die anstehenden Veränderungen des deutschen Krankenhauswesens. Diese Veränderungen, besonders in der organisch orientierten Medizin, gingen auch an der Psychiatrie nicht spurlos vorbei, so Prof. Leititis. Er forderte die Vertreter dieser Fachrichtung auf, zu versuchen, ihren Standard zu halten und den ambulanten Bereich auszubauen.

Die erste Bürgermeisterin der Stadt Göttingen, K. Lankeit, stellte von vornherein klar: "Ich bin keine Fachfrau." Sie stelle sich das Arbeiten mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen sehr anstrengend vor. "Ich bin sehr froh, dass wir eine Kinder- und Jugendpsychiatrie in Göttingen haben", sagte Lankeit, "und dass wir hier Hilfe für betroffene Personen leisten." Als Dank überreichte die Bürgermeisterin Prof. Rothenberger ein bronzenes "Gänseliesel", das Wahrzeichen der Stadt Göttingen.

Wenn man gleichzeitig Läuse und Flöhe hat:
Klinische Überschneidungen bei ADHS/Tic/Zwang

Den Vorsitz bei dieser Veranstaltung übernahm Prof. Dr. Gerd Lehmkuhl, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Köln. Er führte kurz in das Thema "Bedeutung der Komorbidität" ein, also in die Problematik der Überschneidungsmenge der drei Krankheitsbilder, welche zu starken psychosozialen Belastungen der Betroffenen und hohen Anforderungen an die Fachleute führe.

Der Vortrag des Leiters der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich, Prof. Dr. Dr. Hans-Christoph Steinhausen, trug den Titel: "ADHS und unfriedliche Koexistenzen". Der Schweizer sprach zu den rund 800 Zuhörern, wobei sich herausstellte, dass die Gruppen von Betroffenen und Fachleuten nahezu gleich groß waren. Die Komorbidität, das "Vorliegen von mehr als einer Störung bei einer Person in einem definierten Zeitraum, also zum Beispiel mehrere Jahre oder lebenslänglich, führt zu komplizierteren Krankheitsverläufen", so Prof. Steinhausen. Bei Kindern mit psychischen Problemen seien das nicht selten gravierende Schulprobleme oder häufigere Suizidversuche. Prof. Steinhausen unterschied bei der Komorbidität gemeinsame Risikofaktoren, also dass zum Beispiel ADHS zu gestörtem Sozialverhalten (SSV) oder einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) beitragen könne, überlappende Risikofaktoren wie eine genetische Veranlagung gekoppelt mit einem Umweltrisiko und unabhängige Risikofaktoren wie beispielsweise ADHS und Tics. Unter Komorbidität könne man aber auch ein erhöhtes Risiko, zum Beispiel Drogenmissbrauch bei SSV, oder Frühformen wie ADHS als Vorläufer von SSV verstehen. Es gäbe auch die Möglichkeit, eine neue Diagnose zu stellen und damit einen sog. Subtyp zu umschreiben, zum Beispiel ADHS kombiniert mit einer emotionalen Störung.

An Hand einer Studie belegte der Redner, dass der Anteil an hyperaktiven Kindern und Jugendlichen, die unter einer komorbiden Störung leiden, äußerst groß ist. ADHS könne mit Hirnfunktionsstörungen, SSV, emotionalen Störungen wie Angst oder Depression, spezifischen Lernstörungen, Tic-Störungen und Zwangsstörungen zusammen auftreten. Prof. Steinhausen berichtete, dass es beim charakteristischen Typus "Komorbidität von ADHS und SSV" oft schwere Fälle gebe. "Das Risiko der Dissozialität ist dann erhöht", sagte er.

Zur Behandlung gebe es wenige systematische Therapiestudien und Leitlinien. Er schlug Stimulantienbehandlungen, Verhaltensmodifikationen in Familie und Schule, Behandlung der koexistierenden Lernstörungen und Psychoedukation (d.h. Vermittlung von fachlichem Wissen an Betroffene) vor. Auch bei der Komorbidität von ADHS und emotionalen Störungen könne man mit Psychoedukation wie auch mit Verhaltens-, Psycho- oder Pharmakotherapie Verbesserungen erreichen. Bei der Kombination von ADHS und Depressionen gebe es zum Beispiel die Möglichkeit, mit Antidepressiva die Störungen zu lindern. Treten ADHS und eine spezifische Lernstörung (SLS) gemeinsam auf, sollte eine spezifische Behandlung der ADHS Voraussetzung für eine nachfolgende spezifische Behandlung der SLS ein. "Dabei muss man natürlich spezifische Lernstörungen wie Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) von unspezifischen unterscheiden", betonte Prof. Steinhausen. "Die meisten unter Ihnen fragen sich jetzt wohl: ,Was kommt dabei heraus?' ", überlegte er am Ende seines Vortrags und fasste zusammen: "Nicht allein mit Psychotherapie und nicht nur mit Basistrainings bestimmter Funktionen wird alles gut, sondern es gehören auch Medikamente, Übungsbehandlungen, Elternarbeit und intensive Hilfe in Schule und Beruf dazu. Eins ist klar: Die Komorbidität macht den Betroffenen das Leben sehr viel schwerer."

Als zweiter Redner sprach Prof. Dr. Jan Buitelaar von der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Utrecht unter dem Motto "Eine Tic-Störung kommt selten allein" über die Überschneidung von Tics und ADHS. "Wenn die ADHS schon da ist und die Tics kommen hinzu, dann ist es schwer, zu differenzieren, ob das jetzt eine zwischenzeitliche Störung ist oder eine Komorbidität oder ein neue Diagnose. Dann muss man klären, wie bedeutsam die ADHS im Rahmen einer Tic-Störung ist", begann Prof. Buitelaar. Er verglich die drei Gruppen "nur ADHS", "ADHS und Tics" und "nur Tics" anhand von neuropsychologischen Untersuchungen. Dabei berief er sich auf eigene durchgeführte Versuche mit Kindern- und Jugendlichen der drei Krankheitsbilder und erklärte die Tests (zur geistigen Leistungsfähigkeit), mit denen er zu dem Ergebnis kam, dass Tic-Betroffene über bessere Leistungen verfügen als ADHS-Betroffene, diese aber manchmal vor bzw. hinter der Gruppe "ADHS und Tics" liegen. Ein Test war zum Beispiel der "15-Worte-Test": Die Versuchspersonen lasen und merkten sich die Wörter, sahen diese dann nicht mehr und mussten hernach so viele aufzählen wie sie noch erinnern konnten. Bei nahezu allen Tests schnitten die "ADHS und Tics"-Betroffenen am schlechtesten ab. In anderen Fällen kann die Komorbidität jedoch von Vorteil sein. So zum Beispiel beim "Benton-Test", bei dem man vorgegebene Figuren anschauen und dann aus dem Gedächtnis heraus nachmalen muss. Hier zeigten die "ADHS und Tic"-Patienten das bessere visuelle Gedächtnis. "Das heißt, bei Kindern mit "ADHS und Tics" liegen andere neuropsychologische Fähigkeiten/ Vorgehensweisen vor als bei denen, die nur an ADHS leiden", präsentierte der Niederländer seine Ergebnisse.

Er wandte sich auch noch dem Schweregrad der Aufmerksamkeitsprobleme der Kinder zu und stellte fest: "Die ADHS-Patienten haben mehr Probleme in der Schule als zu Hause. Bei den Tic-Patienten sowie bei "ADHS und Tic"-Betroffenen ist das umgekehrt: Sie haben zu Hause mehr Probleme als in der Schule, also zum Beispiel abends zu Hause stärkere Tics. Das entspricht jedenfalls meiner klinischen Erfahrung. Vielleicht seien die "ADHS-Leute mit Tics" besser dazu im Stande, mit dem Frontalhirn (Anmerkung: unserem höchsten zentralnervösen Steuerorgan zur Lenkung des Denkens, Fühlens und Verhaltens) die Schwächen in der Schule zu kontrollieren." Kinder mit schwererer Ausprägung der Tics, aber guter Frontalhirnfunktion seien im Alltag weniger beeinträchtigt als Kinder mit schwacher Frontalhirnfunktion.

Dr. Andreas Kordon von der Klinik für Erwachsenenpsychiatrie der Lübecker Universität widmete sich dem Thema "Nicht nur die Zwänge machen einem das Leben schwer". "Oft dauert es fast zehn Jahre bis ein Zwangspatient Hilfe aufsucht. Über 90 Prozent der Zwangspatienten leiden unter einem verminderten Selbstwertgefühl, viele unter gestörten Beziehungen oder haben wenig Freunde." Mit diesen Fakten konfrontierte Dr. Kordon seine Zuhörer, bevor er sich den komorbiden Erkrankungen bei Zwängen, nämlich Depression, Phobie, soziale Phobie (d.h. Angst vor sozialen Kontakten, vor allem großen Menschengruppen), Essstörung und Panikstörung, zuwandte. Er könne keine Patentlösungen anbieten, sondern wolle sich der Problematik annähern und Zusammenhänge aufdecken. Dazu gab er anfangs einen geschichtlichen Einblick und erwähnte den Waschzwang der Lady Macbeth in William Shakespeares gleichnamiger Tragödie. Kordon erläuterte die Geschichte der Zwangserkrankungen von der ersten Beschreibung bei Esquirol 1838 über die Ausführungen Sigmund Freuds bis hin zur Etablierung der Verhaltenstherapie in den fünfziger Jahren. Unter der Voraussetzung, dass zwei Drittel aller Zwangspatienten lebenslänglich, ein Drittel aktuell an Depressionen leide, stellte er die Frage, ob Zwänge als Ausdruck depressiver Erkrankungen zu betrachten seien. Dr. Kordon sprach von einer "erlernten Hilflosigkeit". Der Patient fühle sich, trotz seines Widerstandes gegen die Zwänge, diesen ausgeliefert, erfahre kaum Lob, sei oft von sich selbst enttäuscht. Diese Verluste führten zu einer tiefen Trauer. Behandlungsmethoden seien die Verhaltenstherapie und die Pharmakotherapie, "wobei bei beiden die Wirksamkeit gut belegt ist. Aber das Absetzen der Pharmaka ist oft mit einem hohen Rückfallrisiko von 70 bis 80 Prozent verbunden", räumte der Lübecker Arzt ein.

"Ist die Zwangsstörung eine Unterform der Angsterkrankung?" lautete die zweite Überlegung Dr. Kordons. Spezifisch für Zwangserkrankte seien Perfektionismus, hohe Moralvorstellungen, Ambivalenz und eine hohe Aufopferung für die Arbeit. "Die Zwangspatienten haben eine hohe Angst, dass ihnen irgend etwas Schreckliches passiert", beschrieb Dr. Kordon das Erscheinungsbild. "Beim Perfektionismus ist es so, dass sie zum Beispiel genau durch die Mitte einer Tür gehen müssen oder der Scheitel haargenau in der Mitte liegen muss. Wenn das nicht klappt, kann es sogar sein, dass sie sich die störenden Haare ausreißen."

Abschließend kam der Psychiater auf die Komorbidität von Zwangs- und Essstörungen zu sprechen. Viele Patienten mit diesen neuropsychiatrischen Erkrankungen könnten ihre Impulse schlecht kontrollieren oder beschäftigten sich ausgiebig mit Körpererscheinungen- und Sensationen. Er machte den Einfluss von Zwanghaftigkeit am Krankheitsbild der Magersucht, der Anorexia nervosa, den Einfluss der Impulsivität an dem der Bulimie, also der Fress-Kotz-Sucht, deutlich. Bei der Anorexie suche der Patient die Risikovermeidung, bei der Bulimie die direkte Konfrontation mit dem Risiko.

Fragen und Meinungen I

Die Nachmittagsveranstaltung "Auf der Suche nach gemeinsamen Problemlösungen" startete mit der Begrüßung Prof. Rothenbergers, der bekannt gab, dass Prof. Dr. Dr. Rita Süssmuth aus gesundheitlichen Gründen am Kongress nicht anwesend sein könne. Frau Hölscher, eine enge Mitarbeiterin Prof. Süssmuths verlas die Begrüßungs-Adresse der Bundestagsabgeordneten, die in ihrem Schreiben bedauerte, nicht persönlich teilnehmen zu können, aber besonders gerne die Schirmherrschaft übernommen habe. Im Anschluss verlieh Prof. Reinecker den Wissenschaftspreis der DGZ an den Kinder- und Jugendpsychiater Dr. med. Gunther Moll von der Georg-August-Universität Göttingen und an dem Diplompsychologen David Althaus von der Ludwig-Maximilian-Universität München. Zu beiden Preisträgern stellte er kurz deren Lebenslauf dar.

Prof. Dr. Bernd Blanz, Kinder- und Jugendpsychiater an der Universität Jena, übernahm den Vorsitz in Teil eins der "Fragen und Meinungen". Den Anfang der Berichte von Betroffenen machte B. Bargelé von der IG-ADHS, Mutter eines von ADHS betroffenen Kindes, die sagte: "Es ist schlimm, ein ADHS-Kind zu haben, aber noch schlimmer ist es, dass es einem keiner glaubt." Das Leben mit ihrem "Hypi"-Sohn, der maximal fünf Stunden schläft und sich selbst als "das Salz in der Suppe" bezeichnet, komme ihr vor wie auf einer Achterbahn. Sie berichtete von ihren persönlichen Erfahrungen mit dem "Stolperstein Schule", dem "Therapie-Tourismus" und "Behandlungs-Dschungel" und erntete für ihre Quintessenz Applaus: "Das, was die Hypis wirklich brauchen, ist unser Einfühlungsvermögen."

Als nächster Betroffener berichtete Michael Treffer von der TGD. Wie seine Vorrednerin lobte er die Außergewöhnlichkeit des Kongresses. Durch sein Amt bei der TGD kenne er viele "Tourettis" und auch sein Sohn leide an starken Tics sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen. "Die Familie hat gelernt, damit umzugehen. Natürlich war mein Sohn, ich sage mal, ja, ein "Objekt des Spotts", die Mitschüler meiden ihn heute noch, aber sie akzeptieren ihn auch."

Die Tochter von Frank F. von der DGZ leidet seit ihrem 19. Lebensjahr an schweren Waschzwängen. "Zuerst wussten wir nichts davon, dann begann ein entsetzlicher Leidensweg", erzählte der Vater. Seine Tochter sei zu den falschen Therapeuten gekommen, habe dann durch Eigeninitiative zur DGZ und zum richtigen Arzt gefunden. Sie sei jetzt 25 Jahre alt, studiere, und er habe die Hoffnung, dass sie in zehn Jahren vielleicht ganz geheilt und von ihren Zwängen befreit sei. "Die Vorträge von heute Morgen geben mir zumindest Grund zum Hoffen", freute sich F. als letzter Redner des Teils "Wer und was bestimmt die Lebensqualität des Alltags" und riet den Anwesenden: "Wenn der Arzt keine Verhaltenstherapie zur Heilung vorschlägt, bitte, verlassen Sie fluchtartig die Praxis!"

Die Frage "Wie können soziale Dienste helfen?" beantwortete Manfred Rabatsch, Sozialarbeiter beim Bezirksamt Prenzlauer Berg, Berlin, in einem kurzen Statement: "Die sozialen Dienste können nur helfen, wenn sie kooperieren." Das Fachwissen in den drei hier vertretenen Krankheitsbereichen sei in den Verwaltungen leider nur in Ansätzen vorhanden. Er forderte Fortbildungen auf diesem Sektor. Die Sozialämter sollten in der Lage sein, vorher Beratungen anzubieten, bei Entscheidungen zu helfen und die Wirkungsweisen zu analysieren. "Über das Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz laufen unter anderem Familienberatungen, Gruppenbetreuungen, Heimerziehungen, Erziehungshilfen und Kindertagesstätten", teilte der Berliner mit.

Herr H. Biegert von der HEBO-Privatschule in Bonn-Bad Godesberg sprach zum Thema "Welche Hausaufgaben muss die Schule erledigen?" und berichtete erstmal vom ersten anstrengenden Drittel einer Schulstunde mit dem hyperaktiven Timo. Doch nicht nur die Lehrer in der Schule, auch die Eltern zu Hause hätten zum Beispiel beim Hausaufgaben-Betreuen große Schwierigkeiten - "die machen die Kinder nämlich erst gar nicht", so der Lehrer. Die Kinder bräuchten viel Gleichbleibendes, Vorbilder als Beispiele zum Nachahmen, emotionalen Rückhalt sowie eine intensive pädagogische Führung.

Prof. Dr. Manfred Döpfner von der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Köln ging das Problem aus medizinischer Sicht an. Er wollte dem Unwissen der Lehrer und Schulen und den vielen falschen Diagnosen durch Beseitigung einiger Irrtümer beikommen.

1. Es muss nur das Kind untersucht werden. Nein, die Einbeziehung der Schule und der Eltern ist ganz entscheidend.

2. ADHS ist klar abgrenzbar. Nein, es gibt lediglich kontinuierliche Merkmale.

3. An ADHS sind falsches Essen oder eine schlimme Familie schuld. Nein, bei ADHS spielen genetische Faktoren die größte Rolle, die Familie und die Umwelt haben lediglich Einfluss auf die Stärke der Krankheit.

4. ADHS-Betroffene müssen auf eine Sonder-Förderschule. Nein, sie sollten sich einer ambulanten Behandlung unterziehen.

5. ADHS-Patienten brauchen viel pädagogischen Freiraum. Nein, sie brauchen viel Struktur.

6. ADHS-Erkrankte brauchen ausschließlich eine psychologische Therapie. Nein, besonders schwere Fälle brauchen eine Pharmakotherapie oder eine Kombination der Therapiearten.

Auf die Ausgangsfrage bezogen kam Prof. Döpfner zu dem Schluss: "Die Kooperation des Therapeuten mit der Schule ist extrem wichtig."

Zum Thema "Wohin führen uns Medizin und Psychologie?" äußerte sich Prof. Dr. Fritz Poustka, Kinder- und Jugendpsychiater an der Frankfurter Universität. Den Einstieg in diese Thematik machte er über die Unzufriedenheit Vieler mit ihrem eigenen Gewicht. "85 Prozent der Deutschen sind nicht mit ihrer Figur einverstanden", sagte er. Therapie und Psychopharmaka als pragmatische Methode seien oft schwer durchzusetzen. Hier müsse mehr Austausch stattfinden, Jugendhilfen und Krankenkassen sollten zusammenarbeiten, dann ließen sich auch viele finanzielle Probleme besser lösen. Um das allgemein verbreitete Durcheinander und die Verführung vieler "Pseudotherapeuten" zu verdeutlichen nannte er das Angebot einer "Ausbildung in der nonverbalen Gesprächstherapie", zu der sich eine große Anzahl von (offenbar unkritischen) Personen angemeldet habe. Prof. Poustka polarisierte Biologie und Genetik versus Psychosozialeinflüsse und Psychopharmaka versus Psychotherapie. Dazu meinte der Frankfurter aber, dass für psychiatrische Erkrankungen häufig mehrere Gendefekte und zudem auch Umweltfaktoren verantwortlich seien seien. Daraus zog er den Schluss: "Man muss von dieser einfachen Kausalitätsbetrachtung wegkommen. Es gibt immer mehrere Kausalitäten."

Diplompsychologin Cordula Neuhaus aus Esslingen setzte sich für mehr Erklärungen und Aufklärung ein. Man dürfe den Betroffenen keine Schuldzuweisungen machen. "ADHS ist keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung. Jedes Kind, egal mit welchen Krankheiten, kann etwas, hat eine Begabung und die muss man nutzen. Die betroffenen Kinder brauchen von ihren Eltern Geduld und Gelassenheit, dann geht`s besser", versprach Neuhaus. Viele Erwachsene verlangten viel zu früh Eigenständigkeit, selbst organisiertes Lernen und so weiter. Wichtig sei auch, dass sich die Eltern nicht alleine mit den Problemen abkämpften, sondern sich einen "Privatbulldozer, einen Coach" suchten, jemanden, der die Mitarbeitsbereitschaft des Kindes verstärke, zum Beispiel einen Lehrer oder einen Therapeuten. Die Lernfähigkeit müsse man auf diese Weise automatisieren.

Der in Forchheim niedergelassene Kinderarzt Dr. Klaus Skrodzki ging kurz auf die Geschichte der Krankheit und den Ausdruck ADHS ein. Andere Bezeichnungen sind ADHD, ADS oder HKS. Heute habe man ein großes Wissen in den Bereichen Genetik, aber auch im Bereich Gesellschaft. "Psychische Erkrankungen haben ein organisch nachweisbares Korrelat", so Dr. Skrodzki. Doch auch die umweltbedingten Ereignisse wie die Auflösung der Familie haben Einflüsse auf die Betroffenen. Der Arzt zeigte sich überzeugt: "Psychologie und Medizin sind keine Gegensätze, sondern sollen sich ergänzen." Daran müsse man festhalten. Gerade weil zum Beispiel das Internet viele Pseudoalternativen biete, seien doch die Kinder- und Jugendpsychiater als Schaltstellen zu Kindergärten, Schulen und Jugendhilfen gefordert und müssten klare Diagnosen schaffen. Auch wenn sie die Patienten nicht vollends "heilen" könnten und viele Probleme bestehen blieben, seien sie doch die richtigen Ansprechpartner, die Medizin und Psychologie am professionellsten verbinden.

Fragen und Meinungen II

Nach einer kurzen Begrüßung aller Teilnehmer und Anwesenden durch Prof. Rothenberger übernahm Prof. Reinecker den Vorsitz des zweiten Teils der "Fragen und Meinungen". Für den ersten Kurzvortrag "Was erwarten wir von den Krankenkassen?" war zwar kein Vertreter von den Krankenkassen zu gewinnen gewesen. Herr Hartmann, Geschäftsführer der DGZ, übernahm aber kenntnisreich die Aufgabe und erläuterte die Förderung der Selbsthilfegruppen durch die Krankenkassen. "70 Millionen Mark stehen den Selbsthilfegruppen pro Jahr zur Verfügung", sagte Hartmann. "Voraussetzungen, etwas davon ab zu bekommen, sind unter anderem die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Krankenkasse und mindestens ein Jahr kontinuierliche Arbeit. Außerdem muss die Gruppe neutral sein, darf also keine parteipolitische Ausrichtung haben." Es gebe unterschiedliche Formen der Förderung, und zwar pauschal oder projektbezogen. Die Anträge müssten bis zum 31. Dezember des Vorjahres an die Kassen gegangen sein. Je mehr Anträge man stelle, desto größer sei auch die Chance der Förderung. Hartmann wünschte den Antragstellern viel Glück: "Sprechen sie ruhig auch Krankenkassen-Vertreter persönlich an. Das hilft oft."

"Die Rolle der Politik besteht nicht nur darin, mit Geld zu helfen", zeigte sich die Landtagsabgeordnete Janz überzeugt, die in Vertretung für Prof. Süssmuth zum Thema "Welche Rolle spielt die Politik?" sprach. Das Land Niedersachsen nehme im Jahre 2001 Kürzungen im Gesunheits- und Sozialwesen vor, Janz wolle sich aber dafür einsetzen, dass nicht in dem hier zur Rede stehenden Bereich der Gesundheit gespart werde. "Man muss die Selbsthilfegruppen stärken. Und als ehemalige Sozialamtsleiterin rede ich da nicht nur vom grünen Tisch", so Janz. Erfahrungsaustausch und Unterstützung der Selbsthilfegruppen hinsichtlich der Bürokratie erachte sie als besonders wichtig. Sie wolle erreichen, dass die Unterstützung der Gruppen in das Pflichtprogramm der Krankenkassen aufgenommen werde.

Bedauerlicherweise mußte der Vortrag "Wen und wie unterstützen die Medien?" von Martina Morawietz, die beim Zweiten Deutschen Fernsehen tätig ist und einen preisgekrönten Film (Leben in Fesseln) zum Thema Zwangsstörungen vorzuweisen hat, ausfallen. Die Redakteurin mußte unvorhersehbar auf Grund der aktuellen Ereignisse in Serbien dienstliche Pflichten wahrnehmen.

Das "Wechselgespräch" zwischen allen Rednern des Nachmittags und allen Zuhörern und Interessierten unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Dr. Martin H. Schmidt, Kinder- und Jugendpsychiater am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, stand als letzte Nachmittagsveranstaltung auf dem Programm. Ein Herr aus dem Publikum begann den Meinungsaustausch mit dem Statement, dass die Hyperaktiven in der Schule mehr Zeit und Berücksichtigung brauchten. Prof. Döpfner antwortete, dass der Balanceakt zwischen Schulalltag und Sondersituation ein sehr schwieriger sei. Prof. Schmidt zeigte sich zuversichtlich: "Ich habe mit Einzelfallentscheidungen, zum Beispiel längere Bearbeitungszeit bei Arbeiten, sehr gute Erfahrungen gemacht." Dies widersprach den Erlebnissen einer Mutter, die von ihren Erfahrungen mit einer "total unkooperativen Schulleitung" berichtete: "Am Schluss heißt es dann immer: "Die Mutter spinnt". "Viele Einzelkämpfer", vor allem Eltern, aus allen Teilen Deutschlands meldeten sich zu Wort. Sie waren alle auf Unwissenheit und Unverständnis gestoßen und forderten Maßnahmen zur Aufklärung der Bevölkerung sowie einheitliche Regelungen. Besonders in der Ausbildung der Lehrer gebe es noch große Defizite. Einige sprachen sich für eine Resolution oder ein Dekret an die verantwortlichen Stellen aus. Die Experten unterstützten zum Teil die Vorschläge der Teilnehmer, baten aber darum, dass die Betroffenen trotz allen Ärgers und aller Frustration immer wieder kleine Schritte unternehmen und nicht aufgeben sollten. Auch von positiven Erlebnissen zum Thema "Informationsfluss" berichteten die Anwesenden und sprachen den Experten auf dem Podium ein großes Lob für ihr Engagement aus. Der rege Austausch von Betroffenen, Angehörigen, Selbsthilfegruppen, Experten, Kinder- und Jugendpsychiatern, niedergelassenen Ärzten, Psychotherapeuten, Lehrern, Sozialarbeiter und vielen mehr endete mit ermunternden Schlussworten der Experten und dem Wunsch Prof. Rothenbergers, ein gemeinsames Schreiben zu verfassen, um den zentralen Anliegen der Betroffenen bei den entscheidungsbefugten Gremien und Institutionen mehr Gehör zu verschaffen.

Pressekonferenz

Die Einführung in die Pressekonferenz gab Rita Wilp, Pressesprecherin für den Bereich Humanmedizin am Universitätsklinikum Göttingen. Sie wies darauf hin, dass eine Mark für die Selbsthilfeorganisationen etwa acht Mark im Gesundheitswesen sparen könne. Der Patient müsse also besser informiert werden. Günter Grzega vom Vorstand der DGZ stellte letztere als Vereinigung von Experten, Wissenschaftlern und Betroffenen vor, die versuche, die Erkrankung verständlicher zu machen. Er lobte den ersten bundesweiten Kongress dieser Art, an dem es um die drei Krankheiten ADHS, Tics und Zwang gehe, und meinte, eine solche Veranstaltung verstärke den Austausch und die Öffentlichkeitsarbeit in besonderem Maße. Dem schloss sich auch Dr. Walter Hermann, Vorsitzender der Interessengemeinschaft ADHS an. Seine Selbsthilfegruppe wolle vor allem auch die Eltern mit einbeziehen. Die dritte den Kongress mit veranstaltende Gesellschaft, die TGD, stellte Prof. Rothenberger in Vertretung für Karl Joseph vor. Sie wurde 1993 gegründet, hat rund 700 Mitglieder und unterstützt die Forschung mit Spendengeldern. "Tics sind im Gegensatz zu Zwängen eine "offensichtliche" Erkrankung. "Es ist nun mal schwer geheim zu halten, wenn es ruckt und zuckt und durch den Hörsaal quiekt", erläuterte Prof. Rothenberger.

Vom Tourette-Syndrom betroffen sind (nach neuesten Schätzungen) mehr als 80 000 Menschen in Deutschland, und etwa 10% aller Kinder zeigen während der Grundschulzeit Tics. ADHS haben etwa fünf Prozent der Einschulungsjahrgänge und die Zwangserkrankung betrifft etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung, also etwa eineinhalb Millionen Deutsche. Bei manchen Patienten überschneiden sich die drei Krankheiten. Michael Treffer machte während der Pressekonferenz den Vorschlag, durch Vorsorgeuntersuchungen Kindern unnütze Behandlungen zu ersparen. Als Beispiel für gute Aufklärung nannte er Kanada, wo es ein Schulfach gebe, in dem Kindern ungewöhnliche Krankheiten erklärt werden.

Weiterhin ging es um die Behandlung von Zwangspatienten in deren eigenen vier Wänden mit der Hilfestellung durch einen Computer. Dieses Patienten-Selbstmanagement mit "Hausaufgaben" soll zu größerer Selbstverantwortung führen. Dr. Christoph Wölk, Psychologe an der Universität Osnabrück, stellte den Cotherapeut Computer mit dem Programm "Brainy", einem kleinen Gehirngesicht, das durch das Programm führt, vor. Das animierte Programm mit Farbgraphik und abwechslungsreichem Sprachrepertoire ist jetzt auf dem Markt erhältlich. Der Therapeut hat das tägliche Übungsprogramm zusammen mit einem Patienten entwickelt. Als Beispiel diente die Zwangshandlung "Herd kontrollieren". Der Computer hilft durch stetige Erinnerung an die vorher festgelegte, begrenzte Zeit für die Dauer einer Zwangshandlung, diese einzuhalten. Dazwischen gibt es so genannte Ausruhphasen. Die Zeit, die sonst für die Zwangshandlungen benötigt wird, verkürzt sich. Ziel ist, dass der Patient diese ganz lässt. Prof. Dr. Hans Reinecker, der den Lehrstuhl für Klinische Psychologie an der Universität Bamberg inne hat, erklärte hierzu, ab welchem Punkt wiederkehrende Handlungen überhaupt als Zwänge zu werten sind: "Wenn man sich zweimal versichert, dass man die Zugfahrkarte bei sich hat, dann ist das noch lange kein Zwang. Wenn diese Handlung aber vier Stunden dauert, man sich wäscht bis die Knochen rausgucken oder das Duschen fünf Stunden in Anspruch nimmt und man immer noch nicht aufhören kann, dann ist das krankhaft zwanghaft." Einen nicht zu vernachlässigenden Vorteil sieht Dr. Wölk beim Vergleich "Computer - Therapeut", obwohl das Programm den Therapeuten auf keinen Fall ersetzen kann: "Mit Brainy kann man nicht diskutieren."

Dr. Hartmut Heinrich, Medizininformatiker an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Göttingen, demonstrierte am Computer das in Göttingen entwickelte Neurofeedback-System für Kinder, welches mit der Maus und dem Elefanten aus der "Sendung mit der Maus" arbeitet. Die Kinder müssen durch Veränderung der EEG-Parameter, also der elektrischen Hirnaktivität, zum Beispiel die Maus zum Elefanten "führen" oder sie Stabhochsprung machen lassen. Der Therapeut sieht das EEG auf seinem Bildschirm. Dadurch soll der Patient seine Fähigkeiten verbessern, hirnelektrische Aktivitäten zu steuern. Dies helfe unter anderem beim Konzentrieren in der Schule. Dr. Heinrich stellte auch Verbindungen mit Forschungsergebnissen auf den Gebieten der Migräne oder der Epilepsie her. "Dort sind die Erfolge der Neurofeedback-Trainings schon länger bekannt. Natürlich ist das Neurofeedback nur ein Baustein im sog. multimodalen Behandlungskonzept."

Pausen

In den Pausen hatten die Kongressbesucher die Möglichkeit, sich mit Speisen und Getränken zu stärken und sich an den Ständen zahlreicher Selbsthilfegruppen zu informieren, die sich unter anderem mit Plakaten, Büchern, Videos, Zeitschriften und Broschüren präsentierten. Die auskunftgebenden Vertreter der TGD, des Arbeitskreises überaktives Kind, des Bundesverbandes Aufmerksamkeitsstörung/Hyperaktivität, der Selbstständigkeitshilfe bei Teilleistungsschwächen, der Bundesarbeitsgemeinschaft zur Förderung der Kinder und Jugendlichen mit Teilleistungsstörungen, des Vereins zur Förderung wahrnehmungsgestörter Kinder und der DGZ hatten alle Hände voll zu tun. Die den Kongress unterstützenden Pharmafirmen Jansen-Cilag, Medice, Novartis, Pfitzer, Sanofi-Synthelabo, Solvay hatten ebenfalls viele Besucher an ihren Ständen. In der Mitte des Zentralen Hörsaalgebäudes (ZHG) Göttingen stellten einige Forschungsgruppen Poster zum Thema aus. Der Förderverein der Kinder- und Jugendpsychiatrie Göttingen verkaufte Jubiläumsplakate und am Göttinger Neurofeedbacksystem GÖFI probierten Interessierte unter der Leitung von Dr. Heinrich ihre Hirnaktivitäten aus und verfolgten ihre EEG-Parameter am Computerbildschirm. Die Buchhandlung Lehmann, ansässig in Göttingen, übernahm den Verkauf von Fachliteratur. Renner war unter anderem das Buch "Mein Kind hat Tics und Zwänge" der Autoren Angela Scholz und Aribert Rothenberger (Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen).

Kulturbonbon

Zu Beginn der Abendveranstaltung beschenkte Prof. Rothenberger Frau Boldt und Frau Noé, die sich um den reibungslosen Ablauf des Kongresses gekümmert hatten, mit Blumensträußen. Die beiden Organisatorinnen ernteten Applaus mit Geklatsche, Getrampel und Gejohle. Bei der Posterprämierung zeichnete Prof. Rothenberger im Namen der Jury Dr. Christoph Wölk (Universität Osnabrück) sowie Dr. Tobias Banaschewski (Universität Göttingen) mit Preisen aus.

Zauberer "Marcello" führte durch ein abschließendes vergnügliches Unterhaltungsprogramm. Er übte kurz mit dem Publikum die drei Klatscharten, wovon er bat, immer nur die dritte, nämlich Klatschen, Trampeln und Pfeifen, anzuwenden, und kündigte dann Michael Treffer von der TGD an, der Schweizer Kabarett zum Besten gab. Chris Devin, Vater eines hyperaktiven Kindes, sang Kinderlieder und andere Songs über Hyperaktivität, Liebe, Gleichheit und Vieles mehr. Der Höhepunkt des Abends war der 73-jährige Schauspieler Ernst Pilick. Er sprach Gedichte des unter dem Namen Joachim Ringelnatz bekannten Dichters und Malers Hans Bötticher. "Der hatte eine schlimme Schulzeit. Er hatte einfach zuviel Fantasie", bemerkte Pilick. Ringelnatz flog von der Schule und befuhr vier Jahre lang als Seemann die Weltmeere. Pilick begeisterte das Publikum mit Kindergebeten, kurzen Gedichten und Sprüchen von Ringelnatz. Die Gedichte von Wilhelm Busch, die Pilick unter dem Motto "Humor als Medizin" vortrug, handelten von bösen Buben, alten Tanten und Gottlosigkeiten. "Durch Humor wird der Mensch innerlich frei, entkrampft und sich und der Welt überlegen", forderte der Schauspieler die Zuhörer zum Lachen auf und sorgte so für einen angenehmen Ausklang des fachlich spannenden, gehaltvollen und insgesamt sehr informativen Kongresstages.